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1584 soll in Villingen die Historische Narrozunft gegründet worden sein. Doch nun gerät man ins Staunen.

Der Villinger Narro – wie alt ist er nun tatsächlich? Die Zunftgründung von 1584 ist jedenfalls ein Mythos. Bild: Direvi

Zunftarchivar Fehrenbach.

Die Zunft wird immer jünger und das Jahr 1584, das von Fasnetskundigen noch nie ernsthaft geglaubt wurde, entpuppt sich mehr und mehr als die Erfindung eines pfiffigen Zunftmeisters. Entzaubert wird die imposante Zahl von der Narrozunft selbst.

Denn zur Ehrenrettung muss an dieser Stelle festgestellt werden, dass die Narrozunft aus dem Verjüngungsprozess keinen Hehl macht, sondern den selbst eingeleitet hat. Genauer gesagt, Hansjörg Fehrenbach, der Archivar der Villinger Zunft hat das gemacht. Der hat dem obskuren Gründungsjahr, dass in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Anlass für Zweifel und Spott bot, in der neuesten Ausgabe des Zunftblättles ein ganzes lesenswertes Kapitel gewidmet und zumindest hypothetisch abgeklärt, wie es denn zu dem fast mittelalterlichen Gründungsdatum gekommen sein könnte. Und selbst für den ersten Zunftmeister der Narrozunft Villingen, Joachim Wöhrle, ist klar: „Die Historische Narrenzunft ist 1882 und nicht 1584 gegründet worden.“ Und: „Wir müssen uns doch nicht älter machen, wie wir tatsächlich sind, um wichtiger zu wirken.“

Doch dass eine Zunft dann gleich um so vieles jünger wird? Es steht zu befürchten, dass dies beim einen oder anderen gutgläubigen Villinger doch noch zu einem kleinen Kulturschock führen könnte. Immerhin: Villingens fleißiger und penibler Zunftarchivar Fehrenbach hat bei seinen Recherchen festgestellt, dass von der angeblichen Gründung der Zunft 1584 bis zur erstmaligen Nennung dieses Gründungsdatums in offiziellen Verlautbarungen der Zunft stolze 341 Jahre vergangen sind. Es war der Januar 1925 als das Gründungsjahr 1584 erstmals auf einem Briefkopf der Zunft auftauchte.

Und auch der Stempel mit dem Gründungsdatum war damals rasch gemacht. Ja, und den lieben Villingern gefiel das. Wer außer ihren Narren konnte auf eine so uralte Tradition zurückgreifen. Ruckzuck war man der älteste Verein in weitem Umkreis. Da konnten nur noch die Herren von Fürstenberg in Donaueschingen mithalten. Die hatten zwar keinen Verein, aber eine Brauerei mit einer Bierkultur die bis auf das Jahr 1283 zurückgeht. Die Villinger Zunft verstand es mit ihrem Alter durchaus zu kokettieren. Im Jahre 1984 feierte man dann doch tatsächlich in großem Stil das 400-jährige Bestehen. Irgendwie muss es ihnen aber schon damals etwas flau im Magen gewesen sein und geahnt haben, dass da möglicherweise mit dem Gründungsdatum 1584 etwas nicht ganz stimmen könnte. Und so bezog man das Jubiläum einfach auf die Hauptfigur der Villinger Fasnet, den Narro, der zu der damaligen Zeit entstanden sein soll.

Stellt sich jetzt die Frage, wie es denn nun tatsächlich mit den historischen Belegen für das Jahr 1584 aussieht. Der mutige Zunftschreiber der Zunft bringt es auf den Punkt: Es gibt keine. Doch wie kam es zu der Zahl? Es ist eine Geschichte zum Schmunzeln, die Fehrenbach im neuen Zunftblättle zu erzählen weiß. Zitat: „Es ist zu vermuten, dass es ein 'Alleingang' des Zunftredakteurs, Historikers und zur damaligen Zeit heimlichen und zur späteren Zeit tatsächlichen Zunftmeisters Albert Fischer war. Keiner hätte an einer von Fischer angegebenen Jahreszahl gezweifelt, da er das einzige Mitglied des Verwaltungsrates der Narrozunft war, das sich mit der Historie der Villinger Fastnacht befasste und auch entsprechende Publikationen vorweisen konnte.“

Doch wie kam er nun auf die Jahreszahl? Nun, der Zunftmeister wohnte in der Niederen Straße 9 im Haus des Korbwarenhändlers Gustav Neugart mit seiner Familie im dritten Stock. Und jetzt kommt es: Genau schräg gegenüber war das Haus des Kaufmanns August Leu (Gemüse Leu), die Niedere Straße 14. An diesem Haus sind auch heute noch spätgotische Bauteile zu sehen, unter anderem eine datierte Aufzugsgaupe. Die Jahreszahl im Giebel dieser Dachgaupe – man höre und staune - lautet 1584.Unser Zunftarchivar der Villinger Narros im Jahr 2012: „Es ist meiner Meinung nach durchaus möglich, dass genau diese Jahreszahl, welche Albert Fischer oft vor Augen hatte, von ihm als passend für das Gründungsjahr der Narrozunft Villingen angesehen wurde, um den 'althistorischen Ruf der Villinger Fasnacht der weit über die Stadt hinaus geht', wie er im Vorwort zu seinem Werk 'Villinger Fastnacht einst und heute' schrieb, zu festigen.“

In Schwenningen soll man die Diskussion in Villingen um das Zunftalter nach Informationen aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen mit größtem Interesse verfolgt haben. Der Zunftmeister der Schwenninger Zunft, Martin Wittner, soll angeblich vor dem öffentlichen Bekanntwerden des Villinger Gründungsdebakels wochenlang durchs Städtle geirrt sein, um im Stadtbezirk am Neckar noch schnell ein Haus aufzutreiben, das vor 1584 gebaut wurde und auf dem noch der Nachweis des Baujahres zu sehen ist. Allerdings vergeblich.

Villingens Zunftmeister Wöhrle beugt für den Fall der Fälle schon mal vor: „Wir sind zwar erst 1882 gegründet worden, doch die Fasnet in Villingen ist schon viel, viel älter.“ Ja, und sein Zunftarchivar Fehrenbach kann sogar auf eine Urkunde aus dem Jahr 1588 verweisen, in der der Erzherzog Ferdinand zu Österreich – dazu gehörte Villingen in jenen Tagen – in der „Fastnachtsspiel und Mummereyen“ verboten werden. Welch ein Glück für die Villinger, dass die Schwenninger, damals nicht zu Österreich gehörten. Sonst hätte der Erlass wohl auch für sie gegolten…