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VS-Villingen - Auf eine nostalgische Reise zurück in die legendären Zeiten des Hotels Blume Post nahmen die Akteure der Historischen Narrozunft Villingen ihre Gäste in der Neuen Tonhalle mit. Mit ihrem Szenario, was an einem Fasnetmentig so alles in einem Hotel passieren kann, gelang es ihnen, den Erfolg des Zunftballs 2014 sogar zu toppen. Schon die mit einem Postkartenmotiv der Blume Post gestalteten Eintrittskarten und die vom Charme vergangener Zeiten geprägten Kulissen zeigten, mit wie viel Liebe zum Detail das Team das Ballmotto umgesetzt hatte. Und es tatsächlich vom morgendlichen Wecken bis zum Auftritt der tanzenden Putzkolonne nach der Abreise der Gäste in einem stimmigen Ablauf auf die Bühne brachten, nicht zuletzt durch den Rezeptionisten und einem Lehrjungen, die alles zusammenfügten.

Da passten natürlich die zwei Spielebenen, die als Empfang oder Gastraum im Erdgeschoss und Gemächer der Gäste im ersten Stock dienten. Kaum waren Stadtmusik, Hästräger und Zunftrat zu den Klängen des Narromarschs eingezogen und die Wecktruppe mit ein paar nicht mehr ganz so munteren Glonkis ins Hotel marschiert, kehrt Leben in die Blume Post ein. Wie schwer der Start in den Fasnetmentig fällt, zeigt sich gleich zum Auftakt, als die Ratsfrauen ihre liebe Not ­haben, die Ratsherren "rächt" für den Umzug einzukleiden, zumal der Aspirant etwas über die Stränge schlägt – manch ­amüsanter Seitenhieb auf Angewohnheiten der Vorbilder aus der Riege der Zunftoberen inbegriffen. Mitten aus dem Leben gegriffen zeigt sich denn auch die "Findungskommission", in der sich der Nachwuchs in den Rollen von Renate Breuning, Edgar Schurr und Ernst Reiser in einem abhörsicheren Geheimzimmer auf die Suche nach einem geeigneten Nachfolger für Bürgermeister Rolf Fußhoeller macht und es mit Evi Blaser, Klaus Martin und Klaus Wowereit als Kandidaten zu tun bekommt. Denen fühlen die drei auf den Zahn, wie sie wohl Oberbürgermeister Rupert Kubon in die Schranken verweisen, der ohnehin die Millionen nur am Neckar verbaue. Wowereit wirft in den Ring, dass auch er in Berlin seine Probleme mit den Schwaben hat. Aber angesichts der gemeinsamen urkundlichen Erwähnung von Vilingen und Schwenningen schon vor 1200 Jahren fordert er: "Die Mauer muss weg in den Köpfen und den Herzen." Und mit seiner Idee einer "aufgepimpten" Fasnet im August, bei der die Narros Bär und Löwe auf nackter Haut präsentieren, die Stadtmusik Techno spielt und er Prinz Karneval verkörpert, kann er bei allen Fraktionen punkten.

Mit eher liebevollen Sticheleien zwischen den beiden Stadtteilen geht es bei der Einweihung des Katerbrunnens weiter, als dessen Paten die Ballakteure die Villinger Oberjungfer Margot Schaumann und den Schwenninger Zunftmeister Martin Wittner auserkoren haben. Privates aus dem Leben an der Seite der Ratsherren verraten deren Frauen im Wellnessbereich und ernten tosenden Applaus für die Einlage, im Takt des Narromarschs zu schnarchen. Das Fasnetbrauchtum lockt sogar Touristen aus China, Amerika und Russland in die Blume Post, die ganz landestypisches Gebaren an den Tag legen und mit Geld nur so um sich schmeißen.

Missgeschicke im Ausland kann nun aber auch ein lokaler Prominenter nicht länger verleugnen, bringt es die Zunft doch ans Tageslicht, dass die Kochkünste von Feuerwehrkommandant Ralf Hoffmann und seiner Familie in einem Hotel in Australien die Kollegen auf den Plan gerufen haben und er mit einem Handtuch alle Brandgerüche weggewedelt hatte. Spuren der anderen Art hatte die Truppe der Gebäudereinigung zu beseitigen, die sich ganz schön das Maul über die Hinterlassenschaften nicht nur der Fasnetbesucher zerreißen und auch das ein oder andere unter dem Teppich hervorkehren. Ebenso deutliche Worte finden die Männer am Stammtisch, die sich schließlich als Fans der Alte Jungfere zu erkenne geben und teils die passende Kleidung gleich parat haben.

Überhaupt haben sich die Regisseure und ihre Mitstreiter in Sachen Kostüme wieder einiges einfallen lassen, gerade für die Ballettnummern, die perfekt ins Hoteltreiben passen und für Schwung sorgen, ob die Kinder als Touristen aus Frankreich und China aus dem Bus purzeln und über die Bühne wirbeln, die Jugend in der Küche mit Töpfen und Kochlöffeln für den richtigen Rhythmus sorgt oder das Zunftballett als Charlestontänzer und Hauspersonal samt akrobatischen Einlagen das Publuikum inBann zieht. Und dann schlägt auch schon die Geisterstunde: Elvis Presley, Johannes Heesters, Marilyn Monroe und Michael Jackson erwachen zum Leben: Einmal mehr begeistert die Musiktruppe der Zunft, die nach der Devise "Manchmal wird man Geister schneller los als man denkt" mit Bürgermeister Rolf Fußhoeller und seinem zerrütteten Verhältnis mit dem OB abrechnen. Frei nach "Bye Bye Love" heißt es bei ihnen "Bye bye Fußhoeller", und schnell fallen die Zuschauer in den Refrain ein, klatschen und singen begeistert mit. Vor lauter Applaus kam das Quintett ohne Zugabe nicht von der Bühne, und erntete nochmals Beifallsstürme für "Ein Hoch auf unseren Zunftball, auf den Spaß, der immer bleibt und eine Nacht voll Fröhlichkeit".

Das könnte auch als Motto des ganzen Programms sein: Die drei Stunden vergehen im Nu, sind gespickt mit Humor, ob die "Mehlsuppe to go", die Strickleiter, die es bei der Zunft kurzerhand beim Kauf jeder Brandmeldeanlage als zweiten Fluchtweg obendrauf gibt, oder die Mexikaner von "Los dres Cantante del Spitelos", die als Running Gag immer wieder auftauchen und Lieder der Spittelsänger anstimmen. Beeindruckend auch, wie sich die Jugend neben den altgedienten Akteuren behauptet und wie die Großen agiert, Treffer um Treffer landet. Den Zunftballregisseuren Alexander Brüderle und Anselm Säger ist es einmal mehr geglückt, mit ihrem Team einen spritzigen Abend wie aus einem Guss zusammenzustellen, so dass die Zuschauer kaum aus dem Lachen herauskommen. Ein Zunftball, bei dem alles sitzt, von der Bühnentechnik und den Lichteffekten über die schillernden und teils irrwitzige Kostüme bis zu den tollen Auftritten aller Akteure.